Die Grenz-Erfahrungen des Johannes Heisig Man kann die Bilder des Johannes Heisig nicht aus der Nähe betrachten, um sie zu verstehen. Man braucht Abstand, Weitsicht. Mehr als ein „Stückweit“ sollte jeder zurücktreten, der sich einlassen will auf die Innenwelt der Figuren, auf die Bilder-Landschaften, auf die skizzenhaften Details. Heisigs Bilder sind keine halbherzigen Erklärungen zum Zustand der Wirklichkeit, die nur fragmentarisch bleiben, je näher sie uns zeitlich und räumlich sind. Es ist nichts zu begreifen, was wir nur sehen.
Es brauchte fast zwei Jahrzehnte, dass sich Heisig mit dem deutschen Trauma der Neuzeit beschäftigte: der Mauer. Sie stand als hermetischer „Schutzwall“ vom 13.August 1961 bis zum 9. November 1989. Das sind 10174 Tage. Das sind 244176 Stunden. Oder vierzehnmillionenundsechshundertfünzigtausendundfünfhundertsechzig Sekunden. LEBEN. Leben, das vergeht. Leben, das nicht nur in Tage, Stunden, Sekunden zerfällt, sondern mit Willkür begrenzt wird. Durch eine Mauer, die das DaSein zerteilt. In ein Vorher und ein Nachher. Mit der sichtbaren Grenze vergewisserte sich ein kleines Land seine Existenzberechtigung und ein größeres seine Überlegenheit. Wer diesen Grenzraum verletzte, verspielte sein Leben. Das musste nicht immer tödlich enden. Aber schon der Verzicht, sich in die Sperrzonen vorzuwagen, führte zu Selbstbeschränkung, Agonie, kollektiven Narzissmus. Es hinterließ bei jedem erkennbar und verschlüsselt Spuren. Es sind Spuren, denen jetzt auch Johannes Heisig - erst zögernd, dann neugierig - folgt. Was er dabei entdeckt, ist mehr als die verschüttete, zugeschobene Erinnerung an das eigene „DDR-Mauer-Leben.“
In Heisigs Mauerbildern gibt es keine Mauertoten. Jedes vordergründige Abbilden dokumentierten Leids ist ihm fremd. Die nachträgliche Inszenierung einer Tragödie wird zur tumben Operette. Johannes Heisig nähert sich dem emotional-ritualisierten Thema aus der Distanz. Aus der Vogelperspektive. Mit drei Landschaftsbildern im Querformat. Der Blick vom Balkon der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße, am ehemaligen Grenzverlauf in der Mitte Berlins, macht deutlich, was vom deutschen Trauma übrig blieb: die „Resterampe“ der deutschen Teilung. Aus Heisigs Fernsicht wird die Erinnerung an die Mauer zum idyllischen lichten Stadtlandschaftsmotiv. Abgelegt im gesamtdeutschen kollektiven Familienalbum. Bis heute verdrängt, erträglich nur als Gedenkbiotop – und als Touristenattraktion. Das kommentiert sich in Heisigs Bildern nur bei unflüchtigem, genauem Hinschauen. Wer sich da aus dem zweiten Blick stiehlt, verpasst den Hintergrund seiner Bildergeschichten.
Die zeigen sich auch in der zweiten Bildfolge zum Mauerthema. Hier begibt sich Johannes Heisig auf eine Zeitreise – in die gefrorene Wirklichkeit der 1980er Jahre. Was auf den Straßen in Ost und West geschah und wie man lebte hinter deutsch-deutschen Gardinen. In eisgrauen Farbtönen, mit der Anmutung von Schwarz-Weiß-Fotografien, hält er fest, was sich aus Erinnerungssplittern wie ein Puzzle zusammensetzt, verdichtet. Auf der Straße im Osten, die Mauer im Rücken, steht die Schar der Aufrechten, mit Kerzen in den Händen, den Blick erwartungsleer nach innen gerichtet, auch der selbsternannte Messias wird zur glücklosen Ikone. Die Bürgerrechtler von einst wirken in Heisigs Rückschau wie eine Vorwegnahme ihres Scheiterns – nach dem Mauerfall. Auch der Blick auf die Westseite der Grenze verheißt nur den Verlust an Illusionen. Das Sich-Selbst-Zerstörende der Punkband wird zum Synonym einer übersättigten Gesellschaft. Im Westen richtet man sich selbst auf und - hin. Der Trommler scheint expressiv gefangen in der Vergeblichkeit des Aufbegehrens – in der hektischen, kreischenden Betriebsamkeit, im Mündungsfeuer lärmender Gitarren und dem zum Bajonett aufgepflanzten Mikrofon. Neben dieser Außensicht auf die Mauer, dem was sichtbar geschah, präsentiert Heisig die Innenansichten zur deutschen Teilung. Sie enthüllen: das Nischendasein gehörte zur existentiellen Grunderfahrung in Ost- und West-Berlin. Und verband mehr, als es trennte. Es war egal, ob die Flucht-Insel in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg lag.

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BernauerStraße IV1

KUNSTMACHEN  ALS SELBSTBEHAUPTUNG