Altar -4

art-magazin
Ausgabe: 08 / 2002
Seite: 70-75

Ein Bild für 348 Seelen

Von Tim Sommer Ingo Bulla

Die niedersächsische Gemeinde Gelliehausen wollte endlich ein richtiges Altarbild für ihre Kirche. Der Berliner Künstler Johannes Heisig wurde beauftragt, es zu malen - und hat der Dorfgemeinschaft ein Denkmal gesetzt. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit / INGO BULLA (FOTOS)

Ausgerechnet Sodom und Gomorrha. Wenn anderswo Dorfkirchen saniert werden, kommt ein Fresko vom Marienleben zu Tage, Heiligenlegenden oder Szenen aus dem Neuen Testament. Etwas Tröstliches jedenfalls, an dem sich der Bauer aufrichten konnte nach dem drückenden Tagwerk. Aber die grausame Geschichte von den in tiefe Sünde verfallenen Städten, auf die ein rachsüchtiger Gott Feuer und Schwefel regnen lässt - das ist selten. Und gibt Anlass zum Grübeln: Was muss die mittelalterliche Gemeinde verbrochen haben, dass ihr Hirte oder Feudalherr ein solches Menetekel an die Kirchenwand malen ließ?

Immerhin: Falls Gelliehausen jemals ein Sündenpfuhl war, scheint die Warnung gewirkt zu haben. Heute käme keiner auf den Gedanken, dass die Gemeinde sich abseits vom rechten Wege befindet. Hier im niedersächsischen Harzvorland, wo sich Deutsche Alleenstraße, Deutsche Fachwerkstraße und Deutsche Märchenstraße kreuzen, liegt das idyllische Haufendorf wie aus dem Bilderbuch. Umrahmt von sanften Hügeln mit Mischwaldkuppen und fetten Weiden für die Schwarzbunten hocken die Fachwerkhöfe zusammen, krumme Gassen dazwischen, am Weiher das Amtshaus, wo der "Erfinder der deutschen Kunstballade" Gottfried August Bürger seine "Leonore" dichtete.

Und am Rande des Dorfes die winzige Kirche aus dem 15. Jahrhundert, das Pfarr- und das Herrenhaus. Hier regiert der evangelische Pastor Burghard Jaeckh, dort Georg Freiherr von Uslar-Gleichen. Der hat als Patron immerhin noch das Recht, der Gemeinde ihren neuen Pfarrer zu präsentieren, und im Kirchenvorstand ist er geborenes Mitglied unter lauter gewählten. Für die Renovierung der Kirche aber muss er nicht mehr sorgen. Die stand Mitte der neunziger Jahre an, als sich Risse in den Wänden und Schäden am Fundament zeigten. Und damit begann die Geschichte des umgekehrten Bildersturms von Gelliehausen, der dem Dorf nicht nur das denkwürdige Fresko, sondern auch einen nagelneuen Altar bescherte.

Denn im zuständigen kirchlichen Amt für Bau- und Kunstpflege sitzt mit Horst Wetzel ein bilder- und risikofreudiger Mann, der schon der Salvatoris-Kirche von Clausthal-Zellerfeld zu einem Altar von Werner Tübke (art 8/1997), der Schlosskapelle von Gifhorn zu einem Bild von Johannes Grützke und der Kirche von Luttrum zu einer Kopf-über-Kreuzigung von Georg Baselitz verholfen hat. Zumindest diese Kunstaktion endete als Debakel. Die Gemeinde probte den Aufstand, erst verschwand das teure Geschenk hinter einem Vorhang, dann ging es zurück an den Maler. Eine Lehre für Horst Wetzel: Für die Künstler aus dem Westen gelte das Motto "Friss oder stirb". Ein Altarbild aber muss angenommen werden von einer Gemeinde, die es ja benutzen will. Sie muss es als ihr Bild begreifen. Sie muss in die Rolle des Auftraggebers schlüpfen und im Künstler einen Partner finden. Und diese Bereitschaft zum Entgegenkommen hatte er bislang eben vor allem bei den auftragserprobten Künstlern aus dem Osten vorgefunden.

In Gelliehausen bot auch der Innenraum der Kirche ein trostloses Bild. Zwar wird das Gerücht ebenso geflissen verbreitet wie dementiert, Jaeckhs im Unfrieden aus dem Amt geschiedener Vorgänger habe das alte Kirchengestühl samt Altar und Kanzel als sentimentalen Nippes dem Osterfeuer überantwortet - aber verschwunden war die Ausstattung nun mal seit 1985. Statt dessen gab es stocknüchterne "Apfelsinenkisten", mit grüner Schilftapete überzogen. Der Unmut wuchs in der Gemeinde, Kollekten wurden der Neuausstattung gewidmet.

Der Boden war also bereitet. Und Wetzel vermittelte wieder einen Kontakt zwischen Kirchenvorstand und Künstler. Zunächst zu Bernhard Heisig. Aber der Altmeister der Leipziger Schule empfahl nach einem Besuch vor Ort und einiger Bedenkzeit seinen Sohn und Schüler Johannes Heisig, geboren 1953, von 1989 bis 1991 Rektor der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Der kam im Frühjahr 2000 mit Katalogen und einem Ausstellungsplakat nach Gelliehausen ins Pfarrhaus, wo der versammelte Kirchenvorstand ihn erwartete. Sämtlich Kunstlaien, "die bei Picasso vielleicht denken, dass es sich um eine besondere Art Ofengrill handelt oder um eine Pizza", wie der Baron bemerkt. Pastor Jaeckh jedenfalls stimmte erst mal ein frommes Lied an - was den Künstler aus Kreuzberg doch ziemlich verblüffte. Zwar fand man Heisigs Bilder recht düster, ihn aber sympathisch. Zwei Jahre sollte es dauern, bis sein Bild aus Berlin-Kreuzberg nach Gelliehausen kam. Wenn die Kunst noch ein Dogma kennt, dann ist es ihre absolute Freiheit. Und die musste, so viel war sicher, hier geopfert werden. Allerdings waren bei der Gemeinde die Vorbehalte fast größer als beim Künstler. Man wollte etwas aus dem Neuen Testament haben, ein Bild, das man in frohen Stunden betrachten kann und in verzweifelten Lagen, ein modernes Bild sollte es sein - aber nichts Abstraktes. Konkretere Vorstellungen wurden nicht formuliert, obwohl Heisig darauf drängte: "Ich wollte, dass von Anfang an klar ist, das ist unser gemeinsames Bild."

Er kam mehrmals nach Gelliehausen, machte die Himmelfahrtswanderung samt Waldgottesdienst mit und zeichnete dabei. Dann besuchte er Einzelne aus der Gemeinde für Porträtsitzungen. "Das sind Beichtsituationen", sagt er, herausgehoben aus dem Alltag, wo vieles zur Sprache kommt, was sonst verschwiegen wird. Da habe er schnell gemerkt, dass "da viel unterm Teppich ist". Dass die immer wieder beschworene Gemeinschaft in einem Dorf, wo "jeder drei Uniformen von drei Vereinen im Schrank hat" durchaus ihre Abgründe hat, weil ein Ausweichen hier nicht möglich ist und Konflikte oft über Generationen vererbt werden. Als biblische Themen hatte Heisig zwei Szenen aus dem Neuen Testament gewählt. Der schlafende Jesus und die ängstlichen Jünger auf dem stürmischen See Genezareth und die schlafenden Jünger um den angstvollen Jesus im Garten Gethsemane. Auf der Mitteltafel aber sollte die Gemeinde zu sehen sein, singend wie bei der ersten Begegnung.

Spätestens beim ersten Besuch des Kirchenvorstandes im Kreuzberger Atelier aber wurden Bedenken laut: Wieso sitzen wir denn da alle so einträchtig um den Tisch zusammen, so gut können wir uns nun auch nicht leiden. Und: Man sei doch gar zu gut zu erkennen, ob Heisig es denn nicht ein bisschen undeutlicher machen könne. Außerdem: Eigentlich gehöre da Christus hin. Vielleicht war das einer der Momente, wo sich der Maler an frühere Aufträge erinnerte - so unterschiedlich reagieren Parteileitungen und Kirchenvorstände doch nicht.

Aber er blieb unerbittlich: Es gehe um das Moment der Authentizität, das der Szene der Überlieferung und den ewigen Werten des Neuen Testaments das Unmittelbare, das Hier und Jetzt gegenüberstellt. Dass alle Dargestellten unverkennbar heutige Kleidung tragen, erklärte er an den Alten Meistern, die das biblische Geschehen auch meist in ihre Zeit verlagert haben.

Und im Grunde wären der Pastor Jaeckh und seine schöne Tochter, der Baron und sein geistig behinderter Neffe Alexander, die Küsterin Schäfer, die alte Bäuerin Herbst und ihr Sohn, der Dorftischler und Totengräber Benseler, die Frau Heinemann und ihr Baby, die zwei Kinder und die Kirchenvorstandsvorsitzende Eleonore Windel ja hier nicht nur sie selbst - sondern Archetypen, Vertreter ihrer Generation und ihres Standes, die sich für die nächsten Jahrhunderte auf der Altartafel versammeln.

Mit dem 11. September kamen die Zweifel, ob die trügerische Dorfidylle zum Bildzentrum taugt. Jesus am Ölberg, der "Mann, der immer mit diesen Gewissheiten durch die Welt gegangen ist als zweifelnder, ängstlicher Mensch", rückte nun doch von der Seitentafel in die Mitte. Und das war der Punkt, wo Heisig den Auftrag als eigenes Projekt erkannte: "In der Gethsemane-Szene kannst du am meisten von deiner ganz persönlichen Angst mit reinmalen, damit stellst du dich auf eine Augenhöhe mit den Porträtierten aus dem Dorf. Dann ist es mehr als nur die Schilderung mehr oder weniger skurriler Gestalten." Bis in den Pinselstrich spürt man die Dramatik des Geschehens auf der zentralen Altartafel. Das Licht ergießt sich in einem furiosen Farbgewitter tröstend auf den hochgereckten Jesus, oben schwebt die Taube des Heiligen Geistes über der Szenerie. Die Jünger schlafen traumverloren, fast mit dem Boden verschmolzen im flackernden Schein eines Feuers - ganz rechts im Bild der Künstler selbst.

Der Konzeptionswandel wurde gemeldet - und wieder machte sich der Gemeindevorstand auf nach Kreuzberg zur Begutachtung. Und da waren plötzlich alle Diskussionen um das für und wider der Porträts verstummt. Hier erkannte man sich in höherem Sinne wieder. Das war ein Andachtsbild, wie man es sich gewünscht hatte. Wenn auch ganz anders als erwartet.

Seit Pfingsten ist das Bild in Gelliehausen und lebt sich langsam ein. Bezahlt wurde es aus Spenden und Stiftungsgeldern, aber so richtig gehört es der Gemeinde noch nicht. Beim Vorstand gelangen Einwände gerüchtehalber an. "Der Herr Jesus in Jeans!", empören sich manche, und "Jesus gehört ans Kreuz". Von einem Kirchenvorstand (nicht im Bild!) hört man Gegrummel: "Da rackert man sich ab, und wieder wird man übergangen." Und auch der Vorwurf, da hätte sich der Kirchenvorstand ja ein schönes Denkmal gesetzt, wurde schon vernommen. Man tastet sich heran. Noch kreist der Kunstdiskurs um die Nachbarn auf dem Altar, wer drauf ist und wer nicht, wie gut sie getroffen sind. Auch ein profaner Titel ist schon gefunden: "Herbstlandschaft" - weil gleich zwei Mitglieder der Familie Herbst porträtiert wurden. Und schon wendet sich die Aufmerksamkeit der Mitteltafel zu. Und irgendwann wird man merken, dass die Seitentafeln sich zum Mittelteil verhalten wie der Bühnenvorhang zur Tragödie. Und dass der gemalte Spruch aus dem 4. Psalm hier seine Tücken hat: Denn schließlich beschwört David (und mit ihm die singende Gemeinde) den trügerischen Schlaf der Gerechten, wo die Gefährten Christi ja wachen sollten.

Das Bild hat es besser als viele andere: Es wird darüber gestritten, ihm ist Aufmerksamkeit über Generationen sicher, bis man irgendwann die Jeans als typische Tracht des 20. Jahrhunderts akzeptiert. Und falls der neue Altar die Gemeinde doch nicht beim Glauben hält - dann gibt es da ja noch das alte Fresko.

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